


PHILS PHILOSOPHIE
Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum:
Was ist, dient zum Besitz. Was nicht ist, dient zum Werk.
(Laotse, Tao Te King, Kapitel 11 – in der Übersetzung von Richard Wilhelm, 1911)
2002 entdeckte der Diplom-Designer Philip Offermanns seine Faszination für die „Ästhetik der Leere“. Daraus entstand eine bis heute fortgeführte Reihe künstlerischer Arbeiten: „Der Abdruck des Nichts“.
Sie sucht einen einzigen Moment. Den Punkt, an dem Ein- und Ausatmung aufeinandertreffen — Kumbhaka, die Stille zwischen den Atemzügen. Denselben Punkt, an dem sich der Schaum einer brechenden Welle vom Strand zurückzieht: Die Welle ist nicht mehr Welle, jedoch noch nicht zurückgeflossen. Der exakte Wendepunkt, jener Bruchteil einer Sekunde höchster Spannung kurz vor der Umkehrung, in dem die Zeit stillzustehen scheint.
Diesen Moment festzuhalten heißt, ihn aus der Zeit zu nehmen und ins Material zu übersetzen. Die Reliefs entstehen aus flüssigem Gips. Im Augenblick des Abbindens zieht ein gezielter Unterdruck das Material nach oben — und genau dort, zwischen Fließen und Erstarren, hält es an. Was bleibt, ist kein Abbild des Übergangs, sondern der Übergang selbst, in Materie geronnen. Die Grenze zwischen Masse und Leere wird sichtbar, und sie lässt sich mit der Hand nachfahren. Jedes Stück ein Unikum, weil sich der Augenblick nicht wiederholen lässt.
Zwei Jahre später stieß Offermanns auf die hier zitierten Zeilen Laotses. Damit war benannt, was die Arbeiten längst suchten.
Und es blieb nicht bei einer Tradition. Was Yoga als Kumbhaka beschreibt und der Daoismus als die Wirksamkeit des Hohlen, kennt der Buddhismus als Shunyata — eine Leere, die gerade kein Nichts ist, sondern der Grund dafür, dass überhaupt etwas entstehen kann. Drei Wege, ein Befund: Das Leere ist nicht das Fehlende. Es ist das Ermöglichende.
Der Gedanke, nicht die äußere Form zu schaffen, sondern den Raum, die Leere, das Nichts — einen Raum, in dem Menschen wirken, gestalten und leben — prägt seinen Entwurfsprozess bis heute.
Die Form ist nicht Ausgangspunkt, sondern Antwort.
